Der Matronenstein in der Kirche

Von jener Zeit vor fast 3000 Jahren führen Bodenfunde in der Gemarkung wie ein geschichtliches Leitbild durch die Jahrhunderte. Der Schwerpunkt der Besiedlung hatte sich nach der Hallsattzeit von der Mönchshöhe an die fruchtbaren Osthänge des Mümlingtals und den heutigen Kirchberg verlagert.

Vor 2000 Jahren gehörte der Odenwald zu dem rechtrheinischen Teil des von den Römern besetzten Germanien. Oft kam es zu Aufständen gegen die Besatzungsmacht. Einen solchen Aufstand gab es einmal in Brittanien, der niedergeschlagen wurde. Die aufständigen Brittonen wurden gefangen genommen und in fremde Länder deportiert. Ein Teil dieser Brittonen (Kelten) wurde von den Römern im Odenwald angesiedelt. Dort hielten sie als römische Legionäre die Wacht am Limes. Sie wohnten mir ihren Familien weit hinter dem Limes in Siedlungen. Als keltisch-römisches Dorf entstand auch damals das heutige Mümling-Grumbach. Hier boten die fruchtbaren Hänge zwischen der Mümling und dem heutigen Kirchberg Raum und Äcker für die Dorfanlage. In den Herzen der aus England deportierten Brittonen aber lebte die Erinnerung an ihre ferne Heimat und der Glaube an ihre Vorfahren. Dort hatten sie die Erntegöttinnen als Göttinnen der Fruchtbarkeit verehrt und ihnen Altäre errichtet. Einen solchen Altar als Kultstätte erbauten sie sich auch auf der dem heutigen Kirchberg.

Die Römer und vor ihnen die Germanen - und nach ihnen die christlichen Missionare - pflegten ihre Tempel oder Kirchen an Stellen zu errichten, wo die heidnische Urbevölkerung des Landes ihre Gottheiten verehrt hatte.

Im Jahr 1841 fand der Gräfliche Erbachische Archivrat, Christian Kehrer, in der Friedhofsmauer einen weit über die Grenzen des Odenwalds hinaus bekannt gewordenen keltisch-römischen Altarstein. Der Stein erhielt seinen endgültigen Platz an der inneren Nordwand der kleinen Kirche. Er zeigt in einer schwachüberdachten Nische drei keltische Erntegöttinnen. [Matronenstein] Aus Sesseln oder einer Steinbank sitzend - das nur schwach angedeutet - halten sie Schalen mit Früchten in den Händen. Ihre wallenden Gewänder reichen bis zur Erde. Über die Brust sind die Gewänder mit Fibeln zusammengehalten. Zuerst wollte man den Altar eine christliche Deutung geben. Die drei Gestalten wurden als die drei Weisen aus dem Morgenland erklärt. Die Sonne, die über ihnen strahlt, wurde als der Stern von Bethlehem gedeutet. Der Altartstein ist jedoch keltisch-römischer Herkunft und stammt aus der Zeit des Kaisers Hadrian. Zwei fast gleiche Altarsteine stehen im Rheinischen Museum in Bonn. Sie sind den Muttergöttinnen geweiht. Das kultische Zentrum der Matronenverehrung war Bonn. Der Grumbacher Matronenstein zeigt denselben Stil wie die Altäre in Bonn. Sie sind Kinder desselben Matronenkults.

Die Bevölkerung an Rhein und im römischbesetztem Odenwald war damals gleich. Sie war römisch und keltisch, zum Teil auch germanisch. Im Odenwald wohnten damals keltischen Brittonen. Unter den römischen Offizieren erbauten sie Kastelle und Wachtürme am Odenwaldlimes. Erbauer der Kastelle am Mümlinglimes waren keltische Nemaningensis. Die Familien dieser Besatzungstruppen wohnten in den Römersiedlungen im fruchtbaren Mümlingtal.

Kelten mögen auch im Römerdorf, dem heutigen Mümling-Grumbach, gewohnt haben. Ihre Kultstätte lag auf der Höhe des heutigen Kirchbergs. Der Matronenstein ist ein Zeugnis ihrer Götterverehrung.